Im vergangenen Jahr hat das Innenministerium 890.000 Flüchtlinge gezählt, die nach Deutschland einreisten. Diese Zahl entspricht in etwa dem Passagieraufkommen an fünf Tagen des Frankfurter Flughafens, der im gleichen Jahr insgesamt 61 Millionen Reisende abfertigte. Von dort habe ich kein Gejammer und Geschrei vernommen – was ich auch gar nicht erwartet hätte, da die logistische Bewältigung dieser Menschenmassen in einem der reichsten Länder der Welt ja zwar aufwändig aber doch wohl möglich sein sollte.

Wenn »wir« es also schaffen, innerhalb eines Jahres 61 Millionen Menschen auf einem relativ kleinen Gebiet auf die Gültigkeit ihrer Papiere und Reisedokumente hin zu überprüfen und an ihre Ziele zu verteilen, dann doch wohl in der gleichen Zeit auch den vergleichsweise winzigen Bruchteil (ein Achtundsechzigstel) auf der deutlich größeren, gesamten Fläche der Republik. Über die aufgeregten Diskussionen in den Medien und die »besorgten Bürger« in den Straßen könnte man also kopfschüttelnd und leicht belustigt hinwegsehen – wenn sich in deren Fahrwasser nicht menschenverachtende und demokratiefeindliche Bestrebungen immer mehr Anhänger verschafften.

Zuerst denken, dann klicken

So werde ich zum besorgten Bürger, wenn in den »sozialen« Netzwerken asoziale Äußerungen veröffentlicht und von geistesbefreiten Mitmenschen munter weiter verbreitet werden, angefangen von falschen Behauptungen bis hin zu vulgären Beschimpfungen im Zusammenhang mit Flüchtlingen. »Zuerst denken, dann klicken« lautet das Motto einer österreichischen Internet-Initiative, die im Netz verbreitete Behauptungen auf deren Wahrheitsgehalt hin überprüft. Diese Aufforderung sollte jeder, der sich in solchen Medien bewegt, sowieso verinnerlicht haben und die dumpfen Stammtisch-Parolen unbeachtet dort belassen, wo sie herkommen.

Wir Guttempler sind darüber hinaus aber noch ein wenig mehr gefordert. Zum einen sind wir Teil der Menschenrechtsorganisation IOGT International, nach deren Grundsätzen wir leben und die wir in unserem 2014 verabschiedeten Programm wie folgt beschreiben:

Unsere Hilfe ist Ausdruck einer persönlichen Lebenshaltung, dem Willen zur selbstlosen Nächstenliebe, zur Gemeinschaft mit allen Menschen, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, religiöser oder weltanschaulicher Einstellung oder gesellschaftlicher Stellung«.

Hilfe sogar mit Blankoscheck

Der barmherzige Samariter, gemalt von Paula Modersohn-BeckerZum anderen haben alle, die sich für den Grad der Nächstenliebe verpflichtet haben, bei der Feier vom »Gleichnis des barmherzigen Samariters« erfahren. Wenn ich die Geschichte richtig erinnere, kommt darin nicht vor, dass sich der Samariter zum ausgeraubten Menschen hinabbeugt und ihn befragt, ob er aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen verprügelt wurde. Auch macht er seine Hilfe nicht davon abhängig, dass der Geschundene erst seine Sprache erlernen müsse. Es ist überhaupt kein Gespräch zwischen dem Hilflosen und dem Helfer überliefert, dafür aber – in unseren heutigen Begiffen – medizinische Versorgung, Nachhaltigkeit und Blankoscheck, denn der Samariter übergibt seinen Pflegefall einem Wirt, zahlt diesen aus und verspricht alle weiteren Kosten zu tragen.

Wenn wir diese Geschichte also verinnerlicht haben, ja uns »im Grad der Nächstenliebe« sogar dazu verpflichtet haben nach ihr zu leben, müssen wir also auch den Rücken gerade machen, sobald in unserem Umfeld menschenfeindliche Äußerungen auftauchen und ihnen mit Bildung begegnen. Wem das schwerfallen sollte, darf sich gerne einmal hinsetzen, Papier und Stift zur Hand nehmen und niederschreiben, welcher Art die Gründe sein müssten, die ihn dazu bewegten, Haus und Hof, Frau und Kinder, Arbeitsplatz und Heimatort aufzugeben und sein Glück in einem unbekannten Land zu suchen und sich auf dem Weg dorthin Beutelschneidern und Wegelagerern auszuliefern.

Die Fackel der Aufklärung in die Finsternis zu tragen, ist eine der Traditionen, der sich die Mitglieder von IOGT seit 165 Jahren verpflichtet haben – und diese Jahreszahl wäre sicher nicht erreicht worden, wenn es dabei allein um die Folgen des Alkoholkonsums gegangen wäre. Dass unsere Ziele auf den weltweit gültigen Menschenrechten gründen, hat uns erst zu einem Leuchtturm wachsen lassen.

Frank Lindemann
Mitglied des Bundesvorstands der Guttempler in Deutschland