Benjamin von Stuckrad-Barre ist vielen Fernsehzuschauern bekannt. Eloquent, manchmal auch haarscharf neben der Spur, aber immer interessant und anregend. Schon lange ist er auch als Buchautor bekannt. Gut zu lesen, überraschend und mit klaren Vorstellungen dieser Welt – oder wie sie seiner Meinung zu sein hat.

Buchcover von Stuckrad-Barres »Nüchtern am Weltnichtrauchertag«

Mit seinem 2016 erschienenen Büchlein »Nüchtern am Weltnichtrauchertag« lässt er uns einen direkten Blick in sein Leben tun. Eigentlich sind es zwei Geschichten: »Nüchtern« und »Weltnichtrauchertag«. Und doch gehören sie zusammen, handeln sie doch beide von einer süchtigen Persönlichkeit. Die Abhängigkeit von Alkohol und Drogen ist überwunden – nun lebt er nüchtern. Die Abhängigkeit vom Tabak ist natürlich etwas ganz Anderes – aber auch diese Lebensform beobachtet und beschreibt er sehr genau.

Doch zunächst zum »Nüchtern«. Der Autor schildert sehr detailliert den Abend im Kreis von Freunden, Kollegen, Bekannten oder zufällig anwesenden Personen. Er selbst hat gelernt, diese Abende mit sprudelndem Wasser zu überstehen beziehungsweise zum günstigsten Zeitpunkt zu verlassen, aber er weiß nicht mehr so recht, ob die von ihm so wunderbar beschriebenen Rituale noch die sind, die er weiterhin erleben möchte.

Immer wieder erklärt er sich – und anderen – seine Erfahrungen und die unterschiedlichen Wahrnehmungen, je nachdem, ob früher alles mit getrunken wurde oder jetzt nur noch Wasser im Glas ist. Diese gedanklichen Ausflüge sind es, die das Buch lesenswert und spannend machen. Zum Beispiel sein Hinweis, dass er Selbsthilfegruppen der AA besucht hat, aber für ihn dort »der ganz gewöhnliche Vereinsschwachsinn« begann. Selbsthilfe und Gruppe, so sein Statement, passen nicht zusammen.

Wie gesagt, kein Aufsatz für alle, aber verdammt gut zu lesen. Genau wie »Am Weltnichtrauchertag«, in dem beschrieben wird, wann und bei welchen Gelegenheiten eine Zigarette geraucht wurde, wird oder werden sollte. Immer mit der Diskussion des Wiederspruchs zwischen dem Konsum und dem klaren Bewusstsein, dass es sich im Endeffekt um eine ebensolche Abhängigkeit wie beim Alkohol handelt. Ein Unterschied könnte sein, dass die gesellschaftliche Ächtung die Raucher trifft, die Mythen rund um den Alkohol aber immer noch wirken und ständig wiederholt werden.

Wann sollte ich das Buch lesen? Wenn es mir Spaß macht, nicht nur immer die gleichen Dinge und Sichtweisen über Sucht, über Abhängigkeit zu hören und zu lesen; wenn ich wissen möchte, wie andere Menschen »ticken«; wenn ich nach Argumenten (für und wider) suche und kein Dogmatiker bin.

Für Selbsthilfegruppen: Es gibt eine CD, gelesen vom Autor, die sicherlich für genügend Gesprächsstoff für mehrere Gruppenabende sorgt.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Nüchtern am Weltnichtrauchertag, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2016, gebunden, 8,00 Euro