Was ist Suchtselbsthilfe? Ein Erklärvideo


Mit freundlicher Genehmigung der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) | © Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS)

Internationaler Tag des Ehrenamtes am 5. Dezember

In einem Workshop, den ich kürzlich moderierte, habe ich den Teilnehmenden die Fragen gestellt: „Wie zufrieden sind Sie in Ihrem Ehrenamt?“ und „Was motiviert Sie bei Ihrer ehrenamtlichen Arbeit?“ Es waren Mitglieder aller Suchtselbsthilfeverbände, aller Altersstufen, Frauen und Männer, Betroffene und Angehörige vertreten, und Sie können sich denken, dass die Antworten vielfältig und sehr unterschiedlich waren. Von der Selbstverwirklichung über die Stärkung des Selbstbewusstseins bis hin zur Wissensvermittlung und Dankbarkeit war alles vertreten. Aus der Fragestellung entstand eine lebhafte Diskussion über die Anforderungen an eine ehrenamtliche Tätigkeit in der Selbsthilfe. Besonders wichtig war allen Teilnehmenden, dass der ehrenamtliche Dienst als ursprünglicher und wesentlicher Bestandteil der Gestaltung des Lebens anerkannt sein sollte, um so einen weiten Raum für die Übernahme von Verantwortung zu öffnen. Wesentlich war auch, dass ehrenamtliches Engagement von einer Kultur der Wertschätzung geprägt sein muss und innerhalb der Organisation als großer Schatz wahrgenommen werden sollte. „Wenn Menschen zum Ehrenamt bereit sind, drücken sie ihre Wertschätzung für das Gemeinwesen aus und ihren Wunsch, es aktiv mitzugestalten,“ hieß es.


Fest stand für das Plenum, dass ehrenamtliches Engagement nicht „von oben her“ verordnet und geordnet werden kann, sondern dass es von unten her wachsen muss. Wichtig sei das Image, das ein Verein in der Öffentlichkeit und im eigenen Umfeld genießt. Es hat hohen Einfluss auf die ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Bekanntheitsgrad, gesellschaftliche Verankerung, Erfolge, Organisationsdynamik, Gemeinschaftssinn, Seriosität undsoweiter sind wichtige Faktoren für die Zusage. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Vorstand zu, der durch geschicktes und umsichtiges Handeln ein positives Vereinsimage prägt und fördert. Kontinuität in der internen und externen Kommunikation (insbesondere auch in der Medienarbeit) ist dabei ein wichtiges Instrument.

Man war sich darüber einig: Das Ehrenamt und damit die Selbsthilfe befinden sich im Wandel. Selbstlose Gründe, Pflichtgefühl, Überzeugung und Identifikation mit der Gruppe, der Organisation treten heute mehr und mehr zurück gegenüber stärker individuellen Motiven und eigenen Interessen und Bedürfnissen. Deutlicher als früher wird nach dem persönlichen Nutzen, nach Anerkennung, Spaß, Kontakten und Gemeinschaft mit anderen sowie nach einer subjektiv befriedigenden, sinnvollen Tätigkeit gefragt.

Im Allgemeinen wollen die Ehrenamtlichen nicht so sehr etwas für andere tun (dem klassischen Ehrenamtsverständnis entsprechend), sondern zusammen mit anderen etwas für sich und andere.

Studien belegen, dass Personen mit besseren bildungsmäßigen, beruflichen und finanziellen Voraussetzungen und Personen, die sozial stärker integriert sind, heutzutage eher als andere zur Übernahme freiwilliger, ehrenamtlicher Aufgaben und Arbeiten bereit sind. Die Bedeutung der Bildung erhöht sich weiter. Fakt ist, dass durch die zunehmende Professionalisierung unseres Hilfesystems auch der Anspruch an die Ehrenamtlichen wächst. Während wir früher unsere Gesprächsgruppen „aus dem Bauch heraus“ geleitet haben, verstärkt sich das Bedürfnis nach strukturierter, „motivierender“ Gesprächsführung. Eine immense Herausforderung für unser Guttempler-Bildungswerk.

Nicht mehr Tradition, Konvention und Milieuzugehörigkeit bestimmen über den Zugang zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit, sondern die individuell unterschiedlichen Lebensbedingungen, -kontexte und Bedürfnisse.

Das beginnt bei unseren Jugendlichen, die nicht mehr wie früher fast automatisch in die ehrenamtlichen Aufgaben der Jugendverbände hinein wachsen, sondern sie engagieren sich (oder auch nicht) aufgrund eigener Wahl und Entscheidung.

Die Abnahme der kontinuierlichen Gruppenarbeit, einst Hauptbetätigungsfeld der Selbsthilfe, und das Anwachsen zeitlich begrenzter Projekte, kurzfristiger Aktionen und Maßnahmen haben eine Verringerung kontinuierlichen Engagements zur Folge und begünstigen die Herausbildung unverbindlicher sporadischer Beteiligungsformen.

Ebenso vermindern der Attraktivitätsverlust etablierter Organisationen, der Mangel an öffentlicher Anerkennung des Ehrenamts und die sinkende Bindungsbereitschaft das Potential an Ehrenamtlichen. Allerdings scheint der Attraktivitätsverlust des Ehrenamts in unseren Suchtselbsthilfeverbänden vorrangig ein Problem der unflexiblen Strukturen der Organisationen und nicht der Engagementbereitschaft zu sein.

Die überwiegende Anzahl der Teilnehmenden des Workshops war in seinem ehrenamtlichen Engagement motiviert und mit seiner Arbeit zufrieden, auch wenn es das Eine oder Andere innerhalb der Organisationen und Verbände zu kritisieren und zu bemängeln gab.

Das abschließende Zitat von Schimon Peres: „Wer sagt, dass Zufriedenheit eine tolle Sache ist, sollte wissen, dass jene, die zufrieden sind, aufhören, kreativ zu sein,“ fand allgemeine Zustimmung und veranlasste zu der Aussage: „Wir machen weiter.“

Udo Spelleken
Guttempler in Deutschland

Sachgebiet Bildung und Kultur