Mann mit Flasche vor Mutter mit Kind

Etwa drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in einem Haushalt mit suchtkranken Eltern auf. Für sie stellten und stellen die Lockdowns und Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate eine besondere Belastung dar. Der Stress in den Familien stieg und damit auch der Alkohol- und Drogenkonsum der suchtkranken Eltern. Gleichzeitig verstärkte die Schließung von Bildungs- und Freizeiteinrichtungen die Isolation der betroffenen Kinder und Jugendlichen.

Sie suchten mehr Hilfe bei Beratungsangebote im Internet, die es auszubauen gilt. Doch auch ein verbessertes Online-Angebot kann den persönlichen Kontakt zu Fachkräften vor Ort nicht ersetzen. Nach wie vor stehen Bund, Länder und Kommunen in der Pflicht, ein flächendeckendes und regelfinanziertes Hilfesystem aufzubauen.

Aufruf zur 12. Bundesweiten Aktionswoche für Kinder aus suchtkranken Familien 14. bis 20. Februar 2021

Die Corona-Pandemie, ihre Folgeerscheinungen und auch die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung haben die Belastung von Kindern und Jugendlichen, die mit suchtkranken Eltern aufwachsen, verstärkt. Schon zu Beginn der Pandemie warnte die Weltgesundheitsorganisation vor erhöhtem Alkoholkonsum als Reaktion auf den zunehmenden Stress. Eine Umfrage der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Nürnberg und des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim im Frühjahr vergangenen Jahres bestätigte diese Befürchtungen. Über 37 Prozent der Befragten gab an, dass ihr Alkoholkonsum in den Wochen des Lockdowns gestiegen sei.

Poster Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien 2021Für Kinder aus Suchtfamilien bedeutete dies eine noch stärkere Bedrohung durch die Folgen der Sucht, etwa häusliche Gewalt. Mehrere Bundesländer meldeten eine deutliche Zunahme von entsprechenden Anzeigen. Gleichzeitig verstärkte die zeitweilige Schließung von Bildungs- und Freizeiteinrichtungen und die Beschränkung von Kontakten die Isolation der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Zur inneren Isolation, die ihr Leben schon vor der Pandemie prägte, kam nun noch die äußere hinzu. Wesentliche Resilienzfaktoren, wie gesunde Beziehungen außerhalb der Familie und Möglichkeiten zur Distanz zum häuslichen Geschehen, fielen weg oder konnten nur sehr eingeschränkt aufrechterhalten werden.

Viele Kinder und Jugendliche suchten zunehmend Hilfe im Internet. Das Online-Beratungsteam von NACOA verzeichnete allein in den Monaten März und April doppelt so viele E-Mails wie vor der Pandemie, die Anzahl der begleiteten Kinder und Jugendlichen stieg um knapp 40 Prozent. Auch nach der teilweisen Rückkehr zum Normalbetrieb nahm die Anzahl der Ratsuchenden im Vergleich zum Vorjahr zu. Die Kinder und Jugendlichen litten zuhause unter der zunehmend aggressiven Atmosphäre, Gewalt und sozialer Isolation. Sorgen um Infektionsrisiken und durchlebte Erkrankungen führten zu erheblichen psychischen Belastungen, nicht selten zu schweren Depressionen.

Die Auswirkungen der Pandemie fördern noch deutlicher zutage, was sowieso bereits seit Jahren bekannt ist und gefordert wird: die Notwendigkeit eines regelfinanzierten und flächendeckenden Netzes an Hilfeangeboten für Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien.

Sie brauchen Fachkräfte, die auch bei eingeschränkten Begegnungsmöglichkeiten den Kontakt halten, sensibilisiert sind für etwaige Gefährdungssituationen in den Familien und zumindest telefonisch oder über das Internet erreichbar sind. Auch die Online-Beratung muss ausgebaut werden. Gleichzeitig kann sie aber nicht Hilfseinrichtungen und reale Orte ersetzen, die möglichst in jedem Landkreis als Anlaufstellen für die Betroffenen dienen sollten. Die rund zweihundert bestehenden Einrichtungen reichen – verglichen mit der hohen Zahl betroffener Kinder und Jugendlicher – lange nicht aus. Bund, Länder und Kommunen stehen weiterhin in der Pflicht, die Versorgungslücke zu schließen.

In der Aktionswoche sollen wieder zahlreiche Veranstaltungen auf die Situation der Kinder aus Suchtfamilien hinweisen und die politischen Forderungen unterstreichen. Alle Einrichtungen, Initiativen, Projekte aus Jugend- und Suchthilfe und der Sucht-Selbsthilfe und ihre Verbände sind eingeladen mitzumachen. Gefragt sind – gerade in Zeiten der Pandemie – kreative Ideen und Wege, um dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, Wissen zu vermitteln, Hoffnung zu verbreiten und betroffenen Kindern und deren Familien Wege zu Hilfe und Genesung zu weisen.

Alle Informationen zu Veranstaltungen und Anregungen zum Mitmachen finden sich auf der Website www.coa-aktionswoche.de

Bitte unterstützen Sie auch die Online-Petition Kinder psychisch-/suchterkrankter Eltern brauchen JETZT Ihr politisches Engagement!