Mädchen hält Maske seines eigenen Gesichts vor sich

Etwa drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben mit mindestens einem suchtkranken Elternteil zusammen, das heißt, jedes sechste Kind in Deutschland ist von der elterlichen Abhängigkeit und deren Folgeerscheinungen betroffen. Die Kinder und Jugendlichen sind in ihrer Entwicklung hohen Risiken ausgesetzt, insbesondere dem Risiko, später selbst eine Suchterkrankung und/oder eine anderweitige psychische Störung zu entwickeln.

Auf die Situation und das Schicksal dieser Kinder macht NACOA seit 2004 aufmerksam – so soll die jährliche Aktionswoche sie mit bundesweiten Veranstaltungen aus dem Schatten der öffentlichen Wahrnehmung holen.

Das ist auch 2021 so – und doch ist diesmal alles anders. Die Lockdowns und Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate haben die Lage der betroffenen Kinder noch einmal verschärft: So stieg der Stress in den Familien; auch der Alkohol- und Drogenkonsum stieg. Für die Kinder aus Suchtfamilien bedeutet dies eine noch stärkere Bedrohung durch die Folgeerscheinungen der Sucht, zum Beispiel durch das Miterleben und/oder Erleiden von häuslicher Gewalt oder durch Vernachlässigung, wenn beispielsweise bei geschlossenen Schulen und Kindergärten auch die Essensversorgung wegfällt.

Zugleich verstärkt die zeitweilige Schließung von Bildungs- und Freizeiteinrichtungen und die Beschränkung von Kontakten auch die psychische Isolation der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Zur inneren Isolation, die ihr Leben schon vor der Pandemie prägte, kam und kommt nun noch die äußere hinzu. Wesentliche Resilienzfaktoren – das heißt Widerstandskräfte, von denen man weiß, dass sie die Kinder stark machen, wie gesunde Beziehungen außerhalb der Familie, das Ergreifen von Initiative und die Möglichkeit, sich vom häuslichen Geschehen zu distanzieren – fallen weg.

Im Prinzip erfahren wir anderen jetzt in dieser Zeit genau das, was die betroffenen Kinder als Alltag haben: Social Distancing, Konfrontation mit einer nicht greifbaren Bedrohung, in die Pflicht genommen werden, unbedingte Loyalität, Angst vor dem Aggressor«, erklärt Corinna Oswald, Vorstandsmitglied von Nacoa, auf der Pressekonferenz am vergangenen Freitag.

Viele Kinder und Jugendliche suchen Hilfe im Internet. Das Online-Beratungsteam von NACOA wurde in den vergangenen zwölf Monaten so stark nachgefragt wie noch nie. Diese Erfahrungen zeigen: Die Online-Beratung für Kinder und Jugendliche von suchtkranken Vätern und Müttern muss ausgebaut werden.

Gleichzeitig kann sie aber nicht Hilfseinrichtungen und reale Orte ersetzen, die möglichst in jedem Landkreis als Anlaufstellen für die Betroffenen dienen sollten. Von einem flächendeckenden Netz solcher Angebote kann bis dato allerdings nicht die Rede sein. Die rund zweihundert bestehenden Angebote reichen – verglichen mit der hohen Zahl betroffener Kinder und Jugendlicher – bei weitem nicht aus. Zwar wurden im 2019 veröffentlichten Abschlussbericht der vom Bundestag eingesetzten Arbeitsgruppe „Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern“ Empfehlungen zur Verbesserung der Situation dieser vulnerablen Gruppen an die Bunderegierung formuliert, es blieben jedoch offene Fragen, insbesondere Fragen der Finanzierung von Angeboten.

Neben der Etablierung eines regelfinanzierten Hilfesystems stellt nach Einschätzung von Nacoa die Entstigmatisierung von Suchtkranken und ihren Angehörigen eine äußerst wichtige Aufgabe dar. Nur wenn klar wird, dass es sich bei der Sucht um eine Erkrankung handelt, kann ohne Schuld- und Schamgefühle um Hilfe nachgesucht beziehungsweise diese vorurteilsfrei gewährt werden. Insofern gehört das Thema in die Öffentlichkeit und unbedingt in die Ausbildungspläne von pädagogischen und medizinischen Berufen.

Mit der Aktionswoche, die am Sonntag beginnt und zeitgleich auch von NACOA in anderen Ländern, wie im Vereinigten Königreich, in den USA, Indien und der Schweiz veranstaltet wird, wollen wir uns dieser Aufgabe widmen. Bundesweit haben sich über aus über 50 Städten Organisationen gemeldet, die über 90 Veranstaltungen und Aktionen anbieten. Pandemiebedingt überwiegend in digitalen Formaten werden bundesweit in der kommenden Woche in Webinaren, Diskussionsveranstaltungen, Interviews und kreativen Angeboten Hilfen für Betroffene, aber auch Informationen und Anregungen für Erzieher*innen, Lehrer*innen und Fachkräfte aus der Suchtberatung angeboten. Auch wenn die Form diesmal eine andere ist, das Ziel bleibt dasselbe: Wir möchten den vergessenen Kindern eine Stimme geben!

Quelle: Pressestatement von Nacoa Deutschland