Mädchen schreiend

Die Lockdowns und Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate stellen für die Kinder und Jugendlichen in suchtbelasteten Familien eine besondere Belastung dar. Das sogenannte normale Leben wurde für alles weitgehend runtergefahren. Für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien eine zusätzliche Belastung, da sich das gesamte Leben schon unter normalen Umständen in einer sehr angespannten häuslichen Situation abspielt.

In CoronaZeiten ist das wie ein ›GAU‹«, betont Stephanie Bosch, Online-Beraterin bei Nacoa Deutschland.

Es gibt keine Pause, keine Erholung von der toxisch aufgeladenen Situation zuhause. Beispielweise durch den Schulbesuch, nachmittägliche Treffen mit Freund*innen oder das Training im Sportverein. Alles findet hochkonzentriert in den vier Wänden des eigenen Zuhauses statt. Es ist kaum ein Entkommen möglich. Oftmals sind Online-Kontakte die einzige rettende Insel, ein kurzfristiges Entkommen durch die virtuelle Tür nach draußen.

Die professionellen Hilfsangebote der »normalen« Zeit stehen seit fast einem Jahr nicht mehr in der gewohnten Form zur Verfügung. Beratungsangebote über das Internet können das nicht ausgleichen, sind aber für viele Betroffene nicht selten die einzige Hilfe in dieser schweren Zeit. Und die wurde mehr gebraucht als je zuvor.

Das Online-Beratungsteam von NACOA Deutschland verzeichnete gerade zu Beginn der Pandemie im vergangenen Frühjahr einen sprunghaften Anstieg der Anfragen. Von Februar bis Mai 2020 erreichten es insgesamt über 1000 Anfragen per E-Mail, etwa doppelt so viele wie im Jahr zuvor. In den Sommermonaten sank die Zahl geringfügig mit der Lockerung der Maßnahmen, stieg im Herbst aber wieder deutlich an.

Leider konnte Nacoa seine Beratungskapazitäten durch die begrenzt zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen nicht entsprechend der Bedürfnisse der Hilfesuchenden ausbauen. Im Schnitt betreute das fünfköpfige Team (jeweils im nebenberuflichen Minijob, das heißt eigentlich drei Stunden pro Woche und Kolleg*innen insgesamt 15 Stunden pro Woche) im vergangenen Jahr pro Monat gut sechzig Kinder und Jugendliche ab elf Jahren in Einzel- und Gruppenchats.

Welche Sorgen belasten die Kinder und Jugendlichen?

Die Pandemiesituation wirkte wie ein Brennglas auf die strukturellen Probleme in suchtbelasteten Familien mit ihren spezifischen Gefahren und Nöten für die betroffenen Kinder – und sorgte für brenzlige Situationen. Kinder berichteten von stärkerem Suchtverhalten des kranken Elternteils, von mehr häuslicher Gewalt und zusätzlicher Belastung und Anspannung durch die Isolation. Die reduzierten Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen, kamen erschwerend hinzu.

In der Phase des zweiten Lockdowns seit November wuchs zudem mit den steigenden Infektionszahlen die Angst vor der eigenen Infektion mit dem Corona-Virus. Einige Klient*innen durchlebten selbst eine Covid-19-Infektion, andere erlebten Erkrankungen und Tod im nahen Umfeld. Einzelnen betroffenen Jugendlichen gelang als Reaktion auf die verschärfte Pandemiesituation trotz der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten zu den entsprechenden amtlichen Stellen mit Hilfe der Online-Unterstützung der Auszug in eine Pflegefamilie oder ins betreute Wohnen.

Aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres leiten sich konkrete Forderungen für die Online-Beratung für Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien ab. Die Pandemie stellt sie auch in den kommenden Monaten vor große Herausforderungen, selbst wenn die Verbreitung des Virus irgendwann unter Kontrolle sein wird, werden die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen noch lange zu spüren sein. Diese Krise ist noch lange nicht vorbei, andere werden kommen. Schon hier zeigt sich, dass künftig mehr Geld für die speziellen Online-Beratungsangebote für Kinder- und Jugendliche suchtkranker Eltern zu Verfügung stehen muss um eine wachsende Nachfrage nach Hilfe auch wirklich bedienen zu können.

Das Hilfeangebot muss also krisenfest gemacht werden, damit mehr fachliche Kapazitäten für diese Arbeit vorgehalten werden können – und das dauerhaft, weg von dem System einer unsicheren Projektförderung, hin zu einer Regelfinanzierung, die gesellschaftlich so gewollt ist. Zudem brauchen wir eine höhere Sensibilität für die spezifischen Gefahrenlagen und Bedrohungen, denen Kinder- und Jugendliche in Suchtfamilien ausgesetzt sind.

Lehrer*innen in den Schulen, die Erziehenden in den Kitas und gerade auch die entscheidenden Personen im Jugendhilfesystem, aber auch Familienrichter*innen müssen geschult und stärker sensibilisiert werden für die Situation in den von Sucht betroffenen Familien. Die Pandemie hat die schwierige Situation der betroffenen Kinder und Jugendlichen verschärft und noch einmal mehr den dringenden Handlungs- und Unterstützungsbedarf deutlich gemacht.

Denn wir dürfen nicht vergessen: Für Kinder- und Jugendliche in Suchtfamilien ist die Krise Dauerzustand – und der Virus nur eine weitere Bedrohung für Leib und gesundes Leben.

Quelle: Pressestatement von Nacoa Deutschland