Mann mit Bierflasche, dahinter ein Junge

Der Paritätische Wohlfahrtsverband unterstützt die bundesweite Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien von Herzen und mit Entschlossenheit: Suchterkrankungen sind noch immer ein Tabu in unserer Gesellschaft, Sucht ist ein Stigma.

Kinder verschweigen die Suchterkrankung ihrer Eltern, und Personal in Bildungseinrichtungen wie Kita und Schule ist häufig nicht geschult, die Not dieser Kinder zu erkennen und sie anzusprechen. Statt Hilfe zu suchen, verschweigen die Kinder die familiäre Suchtbelastung aus Angst, das »Familiengeheimnis« öffentlich zu machen.

Es fehlt an familienorientierten Präventionsangeboten für Kinder und ihre Eltern in der Fläche, es gibt viel zu wenig Beratungsangebote, die mit dem Thema vertraut sind. Das Leid der rund 2,7 Millionen Kinder und Jugendlichen, die in suchtbelasteten Familien aufwachsen, ist ein stilles und verborgenes Leiden außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung,« stellt Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, anlässlich der Auftakt-Medienkonferenz rur Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien, am vergangenen Freitag fest.

Es sei deshalb ein Meilenstein gewesen, als der Bundestag das Leid dieser Kinder endlich erkannt und 2017 Entstigmatisierungskampagnen und Aufklärungsmaßnahmen beschlossen hat. Als Verband habe es der Paritätische damals begrüßt, dass eine interministerielle Arbeitsgruppe beauftragt wurde, mit zivilgesellschaftlicher Expertise Empfehlungen zur Verbesserung der Situation der Kinder von psychisch und suchtkranken Eltern zu erarbeiten. Das Ergebnis ist ein Katalog von 19 gesundheits- und sozialpolitische Empfehlungen, der 2019 von der Arbeitsgruppe »Kinder psychisch und suchterkrankter Eltern« vorgelegt wurde.

Im Wesentlichen geht es um drei Schwerpunkte:

  1. Die betroffenen Kinder und ihre Familien sollen schnell und unbürokratisch Beratung und Hilfe im Alltag erhalten, auch ohne Antrag beim Jugendamt.
  2. Präventive Leistungen für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen sollen vermehrt und verbessert werden.
  3. Die Zusammenarbeit und Verzahnung der Hilfen an den Schnittstellen unter anderem zwischen Jugendhilfe und Gesundheitswesen soll verbessert werden.

Lediglich ein Teil der 19 empfohlenen Einzelmaßnahmen wurde bisher zumindest angegangen (SGB VIII Novelle). Beschlossen oder umgesetzt ist jedoch bisher noch immer nichts.

Um es noch einmal deutlich zu machen: Wir reden von Kindern, zu deren Alltag emotionale und häufig psychische Gewalt gehören, die ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko haben, selbst psychisch zu erkranken. Wir reden von Kindern, die einer unbeschwerten Kindheit beraubt werden«, so Rosenbrock weiter.

Das Problem ist bekannt, die Lösungen liegen auf dem Tisch, jetzt ist politisches Handeln gefragt. Der Paritätische fordert:

  • Die Bundesregierung muss endlich die vom Parlament beschlossenen Aufklärungsmaßnahmen sowie die geplante Entstigmatisierungskampagne bundesweit starten.
  • Präventions- und Hilfestrukturen müssen unter echter Beteiligung der Zivilgesellschaft aufgebaut und dabei auch bestehende Strukturen und Netzwerke genutzt werden. Ziel muss es dabei sein, die vielen jetzt schon hervorragend arbeitenden Projekte dauerhaft zu finanzieren und in die Fläche zu bringen.
  • Der vom Bundesgesundheitsministerium initiierte Dialogprozess zur Weiterentwicklung der Hilfen für psychisch erkrankte Menschen muss genutzt werden, auch für Kinder aus suchtbelasteten Familien bereichsübergreifende Versorgungsangebote zu entwickeln.
  • In den Kommunen müssen Konzepte für interdisziplinäre, familienorientierte Angebote mit passenden Netzwerkstrukturen entwickelt und aufgebaut werden, die den Bildungsbereich, die Kinder- und Jugendhilfe, Suchthilfe und die Gesundheitshilfen auch mit ihren jeweiligen Präventionsangeboten zusammenbringt.
  • Die Regierungen und zuständigen Ministerien (Gesundheit, Familie, Soziales, Bildung) der Länder müssen sich stärker dafür einsetzen, dass die Empfehlungen der Arbeitsgruppe Kinder psychisch und suchterkrankter Eltern (AG KpkE), auf Landesebene und in den Kommunen unter Einbeziehung aller Stakeholder umgesetzt werden.
  • Die Umsetzung der Empfehlungen muss durch einen öffentlich berichtspflichtigen Monitoringprozess auf Bundes- und Länderebene begleitet werden.

Es kann nicht sein, dass Politik sich weitere Jahre Zeit lässt, die stille Not der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu lindern.

Wir müssen den Kindern die Angst nehmen, über die elterliche Erkrankung zu sprechen. Jedes Kind muss, egal wo es wohnt, Anlauf- und Beratungsstellen finden können, die sich mit dem Thema auskennen, und Angebote wahrnehmen können, in denen es gestärkt wird und wo es über Sorgen und Nöte sprechen kann.

Quelle: Pressestatement von Nacoa Deutschland