Bundestagsabgeordnete bei Abstimmung im Plenarsaal

Unser Arbeitskreis Alkoholpolitik* hat sich zum Ziel gesetzt, die gesellschaftlichen Folgen des Alkoholkonsums in Deutschland zu thematisieren und sich dafür einzusetzen, dass durch politische Maßnahmen sowohl die privaten als auch die gesellschaftlichen Folgen (und Kosten) reduziert werden. Gerade die neuesten Forschungsergebnisse im Bereich der Krebserkrankungen und die erfolgreichen Bemühungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), ihre Mitgliedsstaaten zu einem neuen Umgang mit Alkohol anzuregen, lässt uns erwartungsvoll in die Zukunft schauen.

Haben wir zu früheren Bundestagswahlen mehrseitige »Wahlprüfsteine« zu Alkoholthemen versandt, konzentrieren wir uns dieses Jahr auf eine einzige Frage, die wir am 22. Juni 2021 an im Bundestag vertretene Parteien sowie in Kopie an deren gesundheits- und/oder drogenpolitische Sprecher*innen verschickt haben:

Werden Sie sich für eine Anhebung des Verkaufsalters auf 18 Jahre einsetzen?

In Deutschland ist die Altersgrenze für den Kauf von alkoholischen Getränken niedrig: Bier und Wein können bereits mit 16 Jahren legal erworben werden. In vielen europäischen Ländern liegt das Jugendschutzalter bei 18 Jahren, in einigen Ländern sogar noch höher. Eine neue Studie aus Österreich bestätigt den Zusammenhang zwischen niedrigem Jugendschutzalter und problematischem Alkoholkonsum.

Die Vereinheitlichung des Abgabealters auf 18 Jahre hat viele Vorteile:

  • Sie schützt Jugendliche vor gesundheitlichen Schäden, denn aus medizinischer Sicht sollte der menschliche Organismus vor dem Alter von 21 – 25 Jahren am besten gar nicht mit Alkohol in Berührung kommen.
  • Sie vereinfacht die Alterskontrolle in Kiosken, bei Volksfesten und anderen Ausgabestellen. Besonders bei Mischgetränken wird das Alter entweder gar nicht oder nur sehr selten überprüft.
  • Sie verursacht geringe Kosten – und: für jeden in Alkoholprävention gesteckten Euro erhalten wir als Gesellschaft 16 Euro zurück.
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Auf die Antworten sind wir gespannt – und werden sie auch auf allen Kanälen verbreiten.

Welchen Alkohol darf man ab welchem Alter trinken?

Unter 14 Jahren ist Jugendlichen jeder Konsum von Alkohol verboten. Von 14 bis 16 Jahren können Jugend­liche mit Erlaubnis und unter Anwesenheit eines Erziehungs­berechtigten Bier, Wein, Sekt sowie Mix­getränke ohne starken Alkohol trinken. Ab dem 16. Geburtstag ist ihnen der Konsum dieser Getränke generell erlaubt. Starker Alkohol (Spirituosen) und Getränke, die unter anderem Spirituosen enthalten, dürfen erst ab der Volljährigkeit getrunken werden.

So schützt Europa seine Jugend vor Alkohol

Europakarte mit nach Mindestalter eingefärbten Ländern

 sehr gut (20)  gut (18)  schlecht (17)  sehr schlecht (16)

Fast überall in Europa sind durchweg alle alkoholischen Getränke erst mit 18 Jahren legal erhältlich, in Island und Litauen sogar erst ab 20 Jahren. Deutschland mit seinen uneinheitlichen Jugendschutzregelungen zu Alkohol gehört mit Belgien, Dänemark, Luxemburg, der Schweiz, Österreich und Serbien zu den europäischen Schlusslichtern beim Jugendschutz. Auch Finnland, Norwegen und Schweden unterscheiden zwischen unterschiedlichen Sorten Alkohol, allerdings bei den Altersstufen 18/20 statt 16/18.

Die dabei unterschiedliche Einordnung von Wein, mal in der niedrigeren, mal in der höheren Altersstufe, verdeutlicht die Beliebigkeit dieser Unterscheidungen, die keine wissenschaftliche Begründung für sich beanspruchen können. Eine vergleichbare Regelung beim Jugendschutz zu Tabakprodukten würde unterschiedliche Mindestalter für Zigaretten beziehungsweise Zigarren oder Pfeifentabak vorsehen – und ist mit gutem Grund weltweit unbekannt.

Mehrheit für Anhebung des Alters

YouGov-Umfragen von 2018 und 2021 belegen, dass das Alter beim ersten Alkoholkonsum weiter sinkt: 20 Prozent derjenigen Deutschen, die bereits Alkohol getrunken haben, gaben an, ihren ersten Konsum bereits mit 12 bis 14 Jahren erlebt zu haben. In der jüngeren Umfrage vom Januar 2021 stimmen 60 Prozent der Aussage zu, dass die Altersgrenze zum Erwerb von nicht brandweinhaltigen Getränken angehoben werden sollte. Sogar bei den Befragten im Alter von 18 bis 24 Jahren ist noch knapp über die Hälfte dafür.

»In Deutschland ist der Verkauf von nicht brandweinhaltigen Getränken, etwa Bier, Sekt oder Wein, an Jugendliche ab 16 Jahren gestattet. Inwieweit stimmen Sie der folgenden Aussage zu: Die Altersgrenze zum Erwerb von nicht brandweinhaltigen Getränken sollte angehoben werden. (Bitte wählen Sie die Antwort aus, die am besten auf Sie zutrifft.)« (In %)

Gesamt
60 30 10
18–24 Jahre
51 40 9
25–34 Jahre
53 31 16
35–44 Jahre
60 27 13
45–54 Jahre
60 28 12
Ab 55 Jahren
64 29 7

 Zustimmung  Ablehnung  Weiß nicht / keine Angabe

»Aber es geht doch nur um Bier?!«

Mit einem Glas Bier nehmen 16-Jährige ungefähr die doppelte Menge reinen Alkohols zu sich als mit einem Glas Whisky – das sie erst mit 18 trinken dürfen.

Alkoholische Getränke und ihr Alkoholgehalt in Gramm

Getränk
Menge
Alkoholgehalt
Bierglas
Bier
0,3 Liter
13 Gramm
Weinglas
Wein
0,2 Liter
16 Gramm
Sherryglas
Sherry
0,1 Liter
16 Gramm
Likörglas
Likör
0,02 Liter
5 Gramm
Whiskyglas
Whisky
0,02 Liter
7 Gramm

Breites Bündnis von Fachgesellschaften

DHS-Logo

Im Juni 2018 aktualisierte die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) ihr Positionspapier »Kein Alkohol unter 18 Jahren«, das die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Begründung dieser Forderung zusammenfasst.

Um Kinder und Jugendliche vor den enormen gesundheitlichen und sozialen Folgen des Alkoholkonsums zu schützen und angesichts der internationalen Forschungslage empfiehlt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren grundsätzlich keinen Alkohol trinken.
In Übereinstimmung mit den Jugendschutzgesetzen der großen Mehrheit europäischer Staaten empfiehlt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, den Jugendschutz vor sämtlichen Alkoholprodukten einheitlich auf alle Heranwachsenden bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres auszudehnen.«

Mitzeichner des Positionspapiers sind in Deutschland das Deutsche Krebsforschungszentrum (dkfz), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (bvpg), das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-NORD), die Bundes­psychotherapeuten­kammer (BPtK), die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) sowie die Hessische Landesstelle für Suchtfragen (HLS).

International wird die Forderung »Kein Alkohol unter 18 Jahren« unterstützt von der Europäischen Alkoholpolitik-Allianz Eurocare, dem Niederländischen Institut für Alkoholpolitik (STAP), dem Europäischen Beobachtungszentrum für Alkoholmarketing (EUCAM) sowie der Europäischen Gesellschaft für Biomedizinische Forschung über Alkoholismus (esbra).

Drogen- und suchtpolitische Ziele der Parteien zur Bundestagswahl 2021

Die Parteien haben ihre Wahlprogramme mittlerweile geschrieben, die meisten auch auf einem Parteitag verabschiedet. Die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen hat die Abschnitte zum Thema Drogen- und Suchtpolitik aufgelistet, um allen, denen das Thema am Herzen liegt, eine bessere Entscheidungsgrundlage zu geben.

*Arbeitskreis Alkoholpolitik: Rolf Hüllinghorst (Bielefeld), Fredric Schulz (Stuhr), Christian Bölckow (Hamburg), Frank Lindemann (Göttingen)